David Stuart

david.stuart@me.com

 

Erste Hilfe 

bei 

Chemsex-Notfällen

Foto aus „G O’Clock“, mit freundlicher Genehmigung von Mitch Marion und Peccadillo Pictures

Eines der besten Mittel, um uns selbst und unsere Freund_innen in Chemsex-Umgebungen zu schützen, sind wir selbst.


Mit den nötigen Informationen zur Schadensminimierung und einigen Erste-Hilfe-Kenntnissen – sowie dem Wissen darum, wie verletzlich wir alle unter dem Einfluss von Chems sein können – erhöhen wir die Chancen, Unfälle, Überdosierungen und Todesfälle zu verhindern. Das kann uns dabei helfen, die Risiken für uns selbst und die Menschen, mit denen wir Spaß haben, möglichst gering zu halten.

Diese Broschüre informiert über wichtige Erste-Hilfe-Maßnahmen für Chemsex-Notfälle.

Dazu gehören Informationen, wann es Ermessensspielräume gibt, wann nicht und wann man den Rettungsdienst rufen sollte. Außerdem bietet die Broschüre Tipps, wie sich die häufigsten Notfälle im Zusammenhang mit Chemsex vermeiden lassen.

Die Broschüre ist kein umfassendes Werk zur Schadensminimierung. Sie konzentriert sich auf Notfallsituationen und die dazu passenden Erste-Hilfe-Maßnahmen. Schadensminimierung rund um Chemsex umfasst aber viel mehr.

Der Text wurde von David Stuart und Ignacio Labayen De Inza verfasst.

September 2018

Dieses Dokument ist in vier Teile gegliedert:

1. Notfälle im Zusammenhang mit GHB/GBL

  • Was kann ich tun, wenn ich glaube, dass jemand „zu viel“ G genommen hat?     
  • Was mache ich, wenn eine Person nach G-Konsum schläft, aber weckbar ist?     
  • Was sollte ich tun, wenn jemand auf G NICHT WECKBAR/BEWUSSTLOS ist?     
  • Was mache ich, wenn jemand GHB/GBL-Entzugssymptome hat?      
  • Wie vermeide ich, dass ich „zu high“ werde? Und wie vermeide ich eine potenziell tödliche Überdosis?      

2.  Notfälle im Zusammenhang mit Crystal Methamphetamin und Mephedron/3MMC/4MMC/Cathinonen

  • Was sollte ich tun, wenn jemand auf Meth oder Meph „zu high“ ist, manisch ist oder sich für übermenschlich hält?      
  • Rund ums Thema Einwilligungsfähigkeit     
  • Was sollte ich tun, wenn jemand eine drogenbedingte Psychose erlebt?     
  • Wie vermeide ich Schäden beim Injizieren?      
  • Komplikationen durch Cathinone bei bestehenden Herzproblemen     
  • Überdosierungen von Meth oder Meph      

3.  Weitere Chemsex-Notfälle

  • Stecken gebliebene Objekte     
  • Schnittverletzungen, blutende Wunden, Schlagverletzungen     
  • Mögliche/wahrscheinliche HIV-Infektion     
  • Priapismus (schmerzhafte Dauererektion)     
  • Anaphylaktischer Schock/allergische Reaktionen auf Drogen     
  • Sexueller Übergriff/körperliche Gewalt     

4.  Übersicht: Notfallsituationen           

  • Wird auch die Polizei verständigt, wenn ich den Rettungsdienst rufe?

Teil 1: 

Notfälle im Zusammenhang mit GHB/GBL

Die größten Risiken im Zusammenhang mit GHB/GBL sind

  • — Schäden durch das Verhalten einer stark berauschten Person
  • — Überdosierungen (zu viel von der Substanz in zu kurzer Zeit)
  • — Entzugssymptome (wenn jemand, der körperlich von GHB/GBL abhängig ist, das heißt länger als sieben Tage mehrmals täglich konsumiert, plötzlich keine Drogen mehr hat).

Was kann ich tun, wenn ich glaube, dass jemand „zu viel“ G genommen hat?

Zunächst einmal: Was heißt „zu viel“?

Es ist sehr wichtig, das Recht einer Person anzuerkennen, selbst über ihre Handlungen, Entscheidungen und ihr Verhalten zu bestimmen, selbst wenn ihr Verhalten ihrem (von dir vermuteten) Eigeninteresse zuwiderläuft.

Falls sich aber deiner Meinung nach abzeichnet, dass eine Person in akuter Gefahr steht, sich selbst oder anderen Schaden zuzufügen, oder wenn sie nicht mehr in das einwilligen kann, was gerade (mit ihr) geschieht oder geschehen soll, wirst du vielleicht einschreiten wollen.

Die Einschätzung der Situation ist oft schwierig:


Kann sich die Person aufrecht halten, kann sie sich bewegen?

Ist sie ansprechbar, erkennt sie dich?

Falls ja, hier einige Dos und Don’ts und einige Vorschläge:

(Ist die Person nicht ansprechbar und reagiert nicht? Hinweise, was zu tun ist, finden Sie weiter unten.)

  • Kein Erbrechen herbeiführen! Auch wenn es logisch erscheint, eine potenziell tödliche Dosis GHB/GBL durch Erbrechen aus dem Magen zu entfernen, wäre das mit Risiken für die Atemwege verbunden und könnte zu einer Lungenentzündung oder zum Ersticken führen. Sich zu übergeben kann hilfreich sein, wenn der Körper das von sich aus macht (und sollte dann nicht verhindert werden), aber erzwungenes Erbrechen fügt dem Magen, der Speiseröhre und der Luftröhre Schaden zu und wird im Zusammenhang mit Chemsex nicht empfohlen. Ruf stattdessen einen Krankenwagen und sag der Person in der Notrufzentrale, dass jemand eine potenziell tödliche Dosis einer giftigen Substanz genommen hat.
  • Keine anderen Drogen geben! Der Mythos, bei einer nicht ansprechbaren Person könne ein „Upper“ (Methamphetamin, Kokain oder Mephedron) hilfreich sein, stimmt nicht. Jede weitere Substanz verschlimmert nur die Drogenvergiftung, welche die Ursache des Problems ist. Selbst wenn diese „Methode“ in der Vergangenheit funktioniert zu haben scheint: Bitte die Finger davon lassen. Die negativen Konsequenzen überwiegen. Gibt man der Person mehr Drogen, verstärkt das die Drogenvergiftung, und da die Drogenvergiftung die Ursache des Problems ist, verschlimmert sich die Situation dadurch nur. Einfach zu merkende Faustregel also: Gib jemandem, der schon high ist, nicht noch mehr Drogen.
  • Keine Flüssigkeiten einflößen! Es gibt den Mythos, Orangensaft oder ein anderes zuckerhaltiges Getränk könnten hilfreich sein, aber auch das stimmt nicht. Stattdessen kann das den Übertritt der Droge aus dem Magen in den Blutkreislauf beschleunigen. Wenn aber eine Person bei Bewusstsein ist, Durst hat und etwas trinken möchte, sollte man sich dem natürlich nicht entgegenstellen.
  • Schütze die Person. Falls Sex stattfindet, sorge dafür, dass er beendet wird. Sollte die Person einen Anfall bekommen oder um sich schlagen oder krampfen, halte sie von Objekten fern, an denen sie sich wehtun oder verletzen könnte. Nimm eine Decke oder Kleidungsstücke, um den Kopf vor Verletzungen zu schützen.
  • Überlege, ob du einen Krankenwagen rufst. Wenn jemand high ist, aber sich bewegen kann/ansprechbar ist und atmet, braucht er nicht notwendigerweise einen Krankenwagen. Wenn er aber einen Anfall hat oder aufgrund der Drogen sich selbst, dir oder anderen schadet und du die Person oder die Umstehenden nicht schützen kannst, ruf den Rettungsdienst. Wenn der Krankenwagen kommt, ist es hilfreich, dem Notarzt oder der Notärztin zu sagen, welche Drogen die Person genommen hat, wie viel davon und wann – falls du das weißt. Weise darauf hin, dass GHB und GBL körperlich abhängig machen können und es sich auch um Entzugssysmptome handeln könnte, falls die Person körperlich abhängig ist.
  • Halte die Person wach. Sie könnte sonst ins Koma fallen und einen Atemstillstand bekommen. Wecke die Person auf, halte sie wach und beobachte sie. Fast alle Todesfälle beim Chemsex treten auf, während sich die Menschen in einem „G-Schlaf“ befinden. Selbst wenn du viele G-Schlafphasen beobachtet hast, die nicht tödlich waren, gibt es keine Garantie dafür, dass die Person auch aus dem nächsten G-Schlaf erwacht. Am sichersten ist es deshalb, sie zu wecken und wach zu halten. (Wenn eine Person nicht weckbar ist: siehe Abschnitt unten.)
  • Achte auf das Thema Einwilligungsfähigkeit. Viele Menschen sind bei einer bestimmten Menge G zu bestimmten Zeiten zwischen ihren Highs steuerungsfähig. Häufig gibt es aber einen Punkt, an dem durch das G-High keine Steuerungsfähigkeit mehr gegeben ist – das kann für die Umstehenden allerdings schwer zu beurteilen sein. Wenn jemand nicht auf deine direkten Fragen antwortet, du ihn nicht auf dich aufmerksam machen kannst und er zu high erscheint, um auf deine Sorgen zu reagieren, könnte es sein, dass er nicht mehr einwilligungsfähig ist und du entscheiden musst, wie du damit umgehst – um diese Person zu schützen.

    „John, du scheinst mir ganz schön high und super gut drauf zu sein. Das freut mich, ich bin auch gut drauf. Ich mach mir aber ein bisschen Sorgen, wie klar du noch bist. Sollen wir vielleicht eine kleine Pause in der Küche machen oder uns ein bisschen Wasser ins Gesicht spritzen? Dann würde ich mich besser fühlen.“
    Oder

    „John, ich werd jetzt total high und mach mir ein bisschen Sorgen, wie klar ich noch bin. Würdest du vielleicht ein paar Minuten mit mir ins Bad gehen, damit ich mich wieder sammeln und mir ein bisschen Wasser ins Gesicht spritzen kann? Das wäre echt nett.“

    Wie eine Person auf solche Fragen reagiert, kann dir einen Eindruck davon vermitteln, wie high sie ist und ob sie noch steuerungsfähig ist.

Wenn du eine Person nicht oder nur schwer dazu bringen kannst, auf diese Fragen zu antworten, und dein Bauchgefühl dir sagt, dass der Rausch ihre Entscheidungen und ihre Steuerungsfähigkeit beeinflusst, dann könnte sie in Gefahr sein. Sie könnte zum Beispiel um noch mehr Drogen bitten oder Sex anbieten, ohne wirklich einwilligungsfähig zu sein. Dann solltest du beurteilen, ob in Sachen Einwillungsfähigkeit Gefahr für die Person besteht. Falls du eingreifen möchtest, kann eine zweite Meinung hilfreich sein, am besten von jemandem, auf dessen Objektivität und Wohlwollen du vertraust. Entscheide, ob du die Person schützen musst, indem du

  • Sex unterbindest oder verhinderst
  • Fotografieren oder Filmen unterbindest
  • andere daran hinderst, der Person noch mehr Drogen oder Flüssigkeiten zu verabreichen
  • die Person daran hinderst, herumzulaufen und sich zu gefährden, indem sie zum Beispiel auf die Straße läuft oder in der Sauna in den Pool geht
  • sie daran hinderst, Sexfotos mit dem Handy zu verschicken.

Entscheide auch, ob du den Krankenwagen rufen musst, um die Person zu schützen, zum Beispiel, weil sie sich sonst voraussichtlich verletzen wird. Im Zweifelsfall kann die Person in der Notrufzentrale bei der Entscheidung helfen, ob ein Rettungswagen geschickt wird – geh lieber auf Nummer sicher.

Was mache ich, wenn eine Person nach G-Konsum schläft, aber weckbar ist?

Im G-Schlaf kann es jederzeit zum Atemstillstand kommen. Manchmal gibt es Warnsignale für Atemprobleme oder plötzliches Schnarchen, aber nicht immer. Bei weniger als acht Atemzügen pro Minute sollte man den Rettungswagen rufen.


Obwohl viele Menschen auf natürlichem Weg wieder aus einem G-Schlaf erwachen, gibt es keine Garantie dafür, dass die Person, mit der du gerade zusammen bist, auch so viel Glück haben wird. Wecke sie daher auf und halte sie wach. Wenn das nicht möglich ist, lass sie nicht einfach schlafen, sondern rufe einen Krankenwagen. Damit stiehlst du niemandem die Zeit, sondern rettest vielleicht jemandem das Leben. In London zum Beispiel stirbt jeden Monat eine Person im G-Schlaf. Wenn eine Person weckbar ist und man sie wach halten und beobachten kann, ist alles gut. Wenn sie nicht ansprechbar ist, ruf den Rettungswagen. Rette ihr das Leben.

Was mache ich, wenn jemand auf G NICHT WECKBAR/BEWUSSTLOS ist?

Finde heraus, ob die Person ansprechbar ist. Kann man sie wecken, indem man sie leicht schüttelt? Etwas stärker schüttelt?

Wie sieht die Atmung aus? Ist sie unregelmäßig, gibt es Atemaussetzer? Bei weniger als acht Atemzügen pro Minute ruf den Rettungswagen.

Versuche, fest in den Trapezmuskel der Person zu drücken (das ist der Muskel in der Schulter). Wenn sie davon nicht aufwacht, ist sie nicht ansprechbar. Ruf den Rettungswagen und befolge die folgende Erste-Hilfe-Anleitung:

Wenn eine Person NICHT ANSPRECHBAR ist, ruf einen Krankenwagen und befolge diese Anweisungen:

Was mache ich, wenn jemand GHB/GBL-Entzugssymptome hat?

Wenn jemand seit zwei Wochen oder länger mehrmals täglich GHB oder GBL konsumiert, ist er möglicherweise körperlich abhängig geworden. Wenn er die Droge dann nicht mehr nimmt, bekommt er wahrscheinlich Entzugserscheinungen, die extrem unangenehm, aber auch gefährlich sein können. Mögliche Symptome sind extreme Panik, unkontrollierbares Zittern, Verwirrung, Verlust des Zeitgefühls, Gedächtnisverlust oder Anfälle/Krampfanfälle. Dieser körperliche Zustand wird „Delirium“ oder „Delirium Tremens“ genannt und kann leicht zum Tod führen. Hier sollte unbedingt ein Krankenwagen gerufen werden. Sag der Person in der Notrufzentrale, dass jemand Entzugserscheinungen von der körperlich abhängig machenden Substanz GHB hat. Der Krankenwagen wird schnell bei dir sein.

Wie vermeide ich, dass ich „zu high“ werde? Und wie vermeide ich eine potenziell tödliche Überdosis?

Um Überdosierungen und Todesfälle zu vermeiden, kommt es darauf an, mit ausreichend zeitlichem Abstand eine „sichere Menge“ oder „sichere Dosis“ zu konsumieren. Diese „sichere Menge“ ist von Person zu Person sehr verschieden und hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab – letzten Endes ist das immer eine Sache der Erfahrung und des Ausprobierens. Wenn du noch keine Erfahrung mit der G-Dosierung hast, ist es immer besser, mit einer sehr niedrigen Dosis zu beginnen (zum Beispiel mit 0,5 ml) und sie um eine winzige Menge zu erhöhen, falls keine Wirkung eintritt. Denke daran, dass die G-Dosierung das größte Risiko beim Chemsex und die Ursache für die meisten Todesfälle ist.

  • Warte mindestens zwei Stunden, bevor du eine neue Dosis nimmst.
  • Konsumiere nicht mehr als sechs Stunden am Stück – das erhöht das Risiko einer Überdosis.
  • Konsumiere GHB oder GBL nicht zusammen mit Ketamin, Alkohol, Heroin, Valium, Morphium oder anderen Beruhigungsmitteln/Relaxantien/Schmerzmitteln.
  • Wenn jemand HIV-Medikamente nimmt, verträgt er möglicherweise nur geringere Dosen, denn die HIV-Medikamente können den GHB/GBL-Spiegel erhöhen und die Rauschwirkung verstärken.
  • Auch wenn GBL verbreiteter ist als GHB und häufig mit GHB verwechselt wird, wird GHB völlig anders dosiert, und die Konzentrationen unterscheiden sich sehr viel stärker als bei GBL.

Informier dich! Scheu dich nicht, dich bei einer LGBT-Organisation oder Drogenberatungsstelle, die sich mit GHB/GBL auskennt, in Sachen Schadensminimierung auf den neuesten Stand bringen zu lassen. Wenn du dich lieber online informierst, findest du zum Beispiel hier Informationen: (English) http://dean.st/chemsex-support/.

Teil 2:

Notfälle im Zusammenhang mit Crystal Methamphetamin und Mephedron/3MMC/4MMC/Cathinonen

Die größten Risiken sind mit GHB/GBL verbunden, aber auch der Konsum von Crystal Methamphetamin und Mephedron (Casthinone einschließlich 3-MMC/4-MMC) kann gefährlich sein.

Gefahren durch das Verhalten bei einem Meth- oder Meph-High


Ein Meth- oder Meph-High ist völig anders als ein G-High. Wer auf Meth oder Meph ist, ist normalerweise hellwach und nimmt wahr, was um ihn herum passiert. Er ist dadurch (möglicherweise) weniger stark durch Stürze, Schnitt- oder Schürfverletzungen gefährdet, die mit einem G-High einhergehen können. Ein Meth- oder Meph-High kann aber zu manischem Verhalten, Panikattacken, Hyperaktivität, Selbstüberschätzung oder Unverwundbarkeitsfantasien führen, was natürlich Schäden nach sich ziehen kann.

Was sollte ich tun, wenn jemand auf Meth oder Meph „zu high“ ist, manisch ist oder sich für übermenschlich hält?

Zunächst einmal: Was heißt „zu high“?


Es ist sehr wichtig, das Recht einer Person anzuerkennen, selbst über ihre Handlungen, Entscheidungen und ihr Verhalten zu bestimmen, selbst wenn ihr Verhalten ihren (von dir vermuteten) eigenen Interessen zuwiderläuft.

Falls sich aber abzeichnet, dass eine Person in akuter Gefahr steht, sich selbst oder anderen Schaden zuzufügen, oder wenn sie nicht mehr in das einwilligen kann, was gerade (mit ihr) geschieht oder geschehen soll, wirst du vielleicht einschreiten wollen. Die Einschätzung der Situation ist allerdings oft schwierig.

Wenn du die Person ansprichst: Antwortet sie oder erkennt sie dich?

Falls ja, hier einige Dos und Don’ts sowie einige Vorschläge.

  • Keine weiteren Drogen geben! Eine häufig verfolgte Strategie ist, der Person eine entspannende Substanz wie GHB/GBL, Valium oder Alkohol zu geben. Das kann helfen, verstärkt aber den Rauschzustand und kann unvorhersehbare Folgen haben. Möglicherweise hat die Person auch bereits genug G oder Valium oder Alkohol im Körper, und weitere „Downer“ können dann sehr gefährlich sein und zu einer Überdosis führen. Selbst wenn diese „Methode“ in der Vergangenheit funktioniert zu haben scheint: Bitte die Finger davon lassen. Die negativen Konsequenzen überwiegen. Gibt man der Person mehr Drogen, verstärkt das die Drogenvergiftung, und da die Drogenvergiftung die Ursache des Problems ist, verschlimmert sich die Situation dadurch nur. Einfach zu merkende Faustregel also: Gib jemandem, der schon high ist, nicht noch mehr Drogen.
  • Schütze die Person. Falls Sex stattfindet, sorge dafür, dass er beendet wird. Sollte die Person manisch oder chaotisch handeln, halte sie von Objekten fern, an denen sie sich wehtun oder verletzen könnte.
  • Ruf einen Krankenwagen. Wenn jemand high ist, aber sich bewegen kann/ansprechbar ist und atmet, braucht er nicht notwendigerweise einen Krankenwagen. Wenn die Person aber aufgrund des Meth- oder Meph-Highs sich selbst, dir oder anderen schadet und du die Person oder die Umstehenden nicht schützen kannst, ruf den Rettungswagen. Wenn der Krankenwagen kommt, ist es hilfreich, dem Notzarzt oder der Notärztin zu sagen, welche Drogen die Person genommen hat, wie viel davon und wann – falls du das weißt.


Achte auf das Thema Einwilligungsfähigkeit.

Viele Menschen sind unter dem Einfluss von Meth oder Meph einwilligungsfähig, was sich aber in bestimmten Phasen ändern kann. Häufig gibt es einen Punkt, an dem durch das Meth- oder Meph-High keine Steuerungsfähigkeit mehr gegeben ist – das kann für die Umstehenden allerdings schwer zu beurteilen sein. Wenn jemand nicht auf deine direkten Fragen antwortet, du ihn nicht auf dich aufmerksam machen kannst und er zu high erscheint, um auf deine Sorgen zu reagieren, könnte es sein, dass er nicht mehr einwilligungsfähig ist und du entscheiden musst, wie du damit umgehst – um diese Person zu schützen.

„John, du scheinst mir ganz schön high und super gut drauf zu sein. Das freut mich, ich bin auch gut drauf. Ich mach mir aber ein bisschen Sorgen, wie klar du noch bist. Sollen wir vielleicht eine kleine Pause in der Küche machen oder uns ein bisschen Wasser ins Gesicht spritzen? Dann würde ich mich besser fühlen.“
Oder

„John, ich werd jetzt total high und mach mir ein bisschen Sorgen, wie klar ich noch bin. Würdest du vielleicht ein paar Minuten mit mir ins Bad gehen, damit ich mich wieder sammeln und mir ein bisschen Wasser ins Gesicht spritzen kann? Das wäre echt nett.“

Wie eine Person auf solche Fragen reagiert, kann dir einen Eindruck davon vermitteln, wie high sie ist und ob sie noch steuerungsfähig ist.

Wenn du eine Person nicht oder nur schwer dazu bringen kannst, auf diese Fragen zu antworten, und dein Bauchgefühl dir sagt, dass der Rausch ihre Entscheidungen und ihre Steuerungsfähigkeit beeinflusst, dann könnte sie in Gefahr sein. Wenn jemand ein Meth- oder Meph-High hat, kann er extrem geil werden und die möglichen Folgen oder Risiken seines Verhaltens möglicherweise nicht mehr abschätzen. In diesem Zustand können Personen zum Beispiel um noch mehr Drogen bitten oder Sex anbieten, ohne wirklich einwilligungsfähig zu sein. Oder sie könnten versuchen, völlig chaotisch und unvorsichtig Substanzen zu spritzen, viel Alkohol und G konsumieren, sexuelle Risiken eingehen, die sie hinterher bereuen, und die Bitte von Lovern, damit aufzuhören, ignorieren. Dann solltest du beurteilen, ob in Sachen Einwillungsfähigkeit Gefahr für die Person besteht. Falls du eingreifen möchtest, kann eine zweite Meinung hilfreich sein, am besten von jemandem, auf dessen Objektivität und Wohlwollen du vertraust.

Entscheide, ob du die Person schützen musst, indem du

  • Sex unterbindest oder verhinderst
  • Fotografieren oder Filmen unterbindest
  • andere daran hinderst, der Person noch mehr Drogen oder Flüssigkeiten zu verabreichen
  • die Person daran hinderst, herumzulaufen und sich zu gefährden, indem sie zum Beispiel auf die Straße läuft oder in der Sauna in den Pool geht
  • sie daran hinderst, Sexfotos mit dem Handy zu verschicken.

Entscheide auch, ob du den Krankenwagen rufen musst, um die Person zu schützen, zum Beispiel, weil sie sich sonst voraussichtlich verletzen wird. Im Zweifelsfall kann die Person in der Notrufzentrale bei der Entscheidung helfen, ob ein Rettungswagen geschickt wird – geh lieber auf Nummer sicher.

Psychose. „Drogenbedingte Psychose“ hört sich schlimm an, kommt aber häufig vor, wenn wir Tina oder Meph konsumieren und wenig schlafen. Das kann für den, der es erlebt, wie auch für die Umstehenden sehr beängstigend sein. Häufige Symptome im Zusammenhang mit Chemsex sind

  • das Gefühl, das jemand an der Tür oder draußen vor der Wohnung lauscht
  • die Vorstellung, das Telefon, der Computer oder andere elektrische Geräte seien verwanzt oder man werde durch versteckte Kameras beobachtet
  • das Gefühl, im Mittelpunkt eines Plots zu stehen, der von einer Gang oder einem Kult geplant wurde
  • die Vorstellung, jemand habe eine andere Person absichtlich mit HIV oder Hepatitis C infiziert
  • das Gefühl, Stimmen zu hören, Verfolgungswahn
  • die Wahrnehmung schwebender Gestalten am Rande des Sichtfelds
  • das Gefühl, Insekten unter der Haut zu haben, oder das zwanghafte Bedürfnis, an der Haut zu zupfen
  • das Gefühl, unglaubliche Zufälle zu erleben, die niemand sonst wahrnimmt oder erklären kann
  • das Gefühl, von allen anderen verurteilt zu werden, weil man high ist, schwulen Sex hat, HIV-positiv ist, „unmännlich“ ist, nicht sexy ist, nicht in die Umgebung passt, bestimmte Fantasien oder Fetische hat
  • das Gefühl, dass etwas Schlimmes oder Gefährliches bevorsteht oder dass man nicht sicher ist.

Drogenbedingte Psychosen treten häufiger in Verbindung mit Crystal Methamphetamin und Cathinonen wie Mephedron, 3MMC und 4MMC auf. Das Risiko ist größer, wenn sich die Person in einer Umgebung befindet, in der sie sich verurteilt oder unsicher fühlt. Eine Psychose tritt häufiger bei Menschen auf, die psychisch labil sind, sich leicht befangen fühlen, Scham- oder Schuldgefühle oder ein Trauma im Zusammenhang mit Sex oder sozialen Situationen haben. Sie kommt ebenfalls häufiger vor, wenn jemand eine ganze Nacht nicht geschlafen hat oder wenn die Droge injiziert (und nicht gesnieft, geschluckt, rektal aufgenommen oder geraucht) wird. Doch unabhängig von diesen Überlegungen kann eine drogenbedingte Psychose bei jedem Menschen auftreten, und der Umgang damit kann schwierig sein.


Am wirksamsten helfen können wir einer Person mit einer drogenbedingten Psychose, indem wir sie dabei unterstützen, sich in ihrer Umgebung sicher und entspannt zu fühlen. Man kann zum Beispiel mehr Licht machen, keine Pornos mehr zeigen oder die Person in einen anderen Raum führen, in dem sie sich sicherer fühlt. Alles, was dazu beiträgt, dass sie sich sicherer, entspannter, weniger „beobachtet“ fühlt, hilft. Wichtig ist, Auswahlmöglichkeiten anzubieten – wenn jemand das Gefühl hat, in der Falle zu sitzen und keine Wahl zu haben, verschlimmert das seinen Zustand nur.


Solche Maßnahmen können hilfreich sein, aber es gibt keine Garantie, dass sie die Symptome stoppen können.


Eine drogenbedingte Psychose wird nur dann zu einem Notfall, wenn die Person so verzweifelt ist, dass sie medizinische Hilfe benötigt. Manchmal gefährdet jemand auch sich selbst oder andere, weil er versucht, sich oder andere vor vermeintlichen Gefahren zu schützen. In solchen Fällen sollte die Person ermutigt werden, entweder einen Krankenwagen oder die Polizei zu rufen, je nachdem, was sich besser für sie anfühlt. In vielen Fällen kann die Paranoia, welche die Psychose antreibt, dazu führen, dass die Person Rettungskräften oder der Polizei oder dir selbst und deinen Versuchen, ihr zu helfen, misstraut. Es ist nie angenehm, in die Entscheidungsgewalt einer anderen Person einzugreifen, aber wenn du den Eindruck hast, dass jemand eine Gefahr für sich selbst oder andere darstellt, er aber dem Rettungsdienst oder der Polizei misstraut und sie nicht anrufen will, dann ruf selbst an und besprich mit der Person in der Telefonzentrale, was du am besten tun solltest.

Wie vermeide ich Schäden beim Injizieren?


Mit dem Injizieren von Drogen können eine ganze Reihe von Schäden verbunden sein, aber nur drei gelten als Notfall: 1. eine intravenöse Infektion, 2. eine HIV-Infektion und 3. das Injizieren einer größeren Menge Luft in eine Vene.


1. Intravenöse Infektion

Rund um die Einstichstelle kann sich in den Tagen oder Wochen nach der Injektion eine Entzündung entwickeln. Das alleine ist noch kein Notfall, könnte aber zum Notfall werden, wenn wir die Infektion ignorieren. Deswegen sollte man in einem solchen Fall so bald wie möglich zum Arzt oder zur Ärztin gehen. Manchmal allerdings kann sich unmittelbar im Anschluss an eine Injektion eine Entzündung in der Vene entwickeln. Manche Arten von Bakterien können zu einer Blutvergiftung führen. Die Symptome treten normalerweise sehr schnell auf und werden schnell sehr stark. Schon in der ersten Phase kann man sich sehr krank fühlen. Die häufigsten Anfangssymptome sind:

  • Schüttelfrost
  • erhöhte Körpertemperatur (Fieber)
  • sehr schnelle Atmung
  • hohe Herzfrequenz.

Ohne Behandlung schreitet die Blutvergiftung fort, und innerhalb weniger Minuten oder Stunden treten schwerwiegende Symptome auf, z. B.

  • Verwirrung oder die Unfähigkeit, klar zu denken
  • Übelkeit und Erbrechen
  • rote Punkte, die auf der Haut erscheinen
  • reduziertes Urinvolumen
  • unzureichende Durchblutung (Schock).

Treten solche Symptome nach dem Injizieren von Drogen bei dir selbst oder einer anderen Person auf, ruf bitte so schnell wie möglich einen Krankenwagen.

2. HIV-Infektion

Wenn eine HIV-negative Person eine Nadel benutzt, die von einer ansteckungsfähigen HIV-positiven Person verwendet worden sein könnte, kann man eine medizinische Sofortmaßnahme namens PEP (Post-Expositions-Prophylaxe) durchführen. Dazu muss man keinen Krankenwagen rufen, aber es ist wichtig, die PEP so früh wie möglich zu beginnen, auf jeden Fall innerhalb der nächsten 72 Stunden. Wenn du nicht weißt, wo du eine PEP machen kannst, kann manchmal auch der Rettungsdienst eine PEP anbieten oder dir sagen, wo du sie bekommst.

3. Injizieren einer größeren Menge Luft in eine Vene

Wird eine größere Menge Luft in eine Vene injiziert, kann das zu einer Embolie führen. Das ist meist kein Notfall, kann aber zum Notfall werden und dann zu folgenden Symptomen führen:

  • Atembeschwerden oder Atemnot
  • Brustschmerzen oder verminderte Pumpleistung des Herzens
  • Muskel- oder Gelenkschmerzen
  • Schlaganfall
  • Verwirrung oder Bewusstseinsverlust
  • niedriger Blutdruck
  • bläulicher Hautton.

Treten solche Symptome nach dem Injizieren von Luft in eine Vene bei dir selbst oder einer anderen Person auf, ruf bitte so schnell wie möglich einen Krankenwagen.

Komplikationen durch Cathinone bei bestehenden Herzproblemen

Cathinone (Mephedron, 3MMC, 4MMC) schädigen die Gefäße, wirken prothrombotisch, verursachen Gefäßverengungen und stehen in Verbindung mit Herzinfarkten. Das bedeutet, dass sie die Venenwände schädigen, Blutgerinnsel verursachen und die Venen verengen und so zu einem Herzinfarkt führen können. Manchmal spüren die Leute, wie das Blut durch die verengten Gefäße gepumpt wird, und bekommen eine Panikattacke, die häufig für einen Herzinfarkt gehalten wird. Aber auch Herzinfarkte sind möglich; sie treten häufig beim Konsum von Cathinonen auf. Wer eine Herzerkrankung hat, sollte auf keinen Fall Cathinone nehmen.

Wenn jemand Cathinone (oder andere Chems) konsumiert und eines der folgenden Symptome hat, ruf einen Krankenwagen:

  • Druck- oder Engegefühl in der Brust
  • Schmerzen in der Brust, im Rücken, im Kiefer und in anderen Bereichen des Oberkörpers, die länger als ein paar Minuten andauern oder die weggehen und wiederkehren
  • Kurzatmigkeit
  • Schwitzen
  • Übelkeit
  • Erbrechen
  • Angst
  • Husten
  • Schwindelgefühl
  • erhöhte Herzfrequenz.

Überdosis von Meth oder Meph

Tödliche Überdosierungen von Meth oder Meph sind selten, können aber passieren. Überdosierungen sind extrem unwahrscheinlich, wenn die Drogen gesnieft oder geraucht werden, können aber beim Injizieren oder beim rektalen Konsum einer zu großen Menge vorkommen.

Wenn jemand zu viel Meth oder Meph injiziert, sind die Symptome in der Regel ein starkes und beängstigendes Schwindelgefühl, eine erhöhte Herzfrequenz und ein gefährlicher Anstieg der Körpertemperatur. Die Person spürt, dass etwas nicht stimmt, ist panisch und verspürt den überwältigenden Drang, sich abzukühlen, indem sie sich hinlegt, eine kalte Dusche oder ein kaltes Bad nimmt oder nach draußen geht (wenn es dort sehr viel kühler ist). Diese Symptome verschwinden in der Regel innerhalb von 5 oder 10 Minuten, und alles, was man tun kann, damit sich die Peson abkühlen und beruhigen kann, ist hilfreich. Wenn die Symptome jedoch länger als fünf oder zehn Minuten anhalten oder wenn die Temperatur konstant bei 39,4 Grad Celsius oder mehr liegt, ruf den Rettungswagen. Gib an, dass die Person ein Stimulans gespritzt hat und dass ihre Körpertemperatur sehr hoch ist. Die Person in der Notrufzentrale führt dich dann durch die weiteren Schritte.

Hinweis: Manchmal werden Überdosierungen durch Zusatzstoffe der Drogen verursacht; ein häufiger Zusatzstoff in Kanada und den USA ist das Opiat Fentanyl, das schon in kleinsten Mengen tödlich sein kann. In Europa ist Fentanyl derzeit (Stand: September 2018) nur sehr selten in Meth, Meph oder anderen Cathinonen wie 3-MMC oder 4-MMC zu finden. Bei einer durch Fentanyl verursachten Überdosis sehen die Symptome anders aus. Die Person wird schnell bewusstlos und die Atmung verlangsamt sich dramatisch bis zum möglichen Atemstillstand. Rettungswagen rufen!

Teil 3:

Weitere Chemsex-Notfälle

Nicht alle der im Folgenden beschriebenen Fälle sind Notfallsituationen im engeren Sinn, sodass sie möglicherweise nicht so umfassend behandelt werden, wie sie es verdienen. Aber all diese Situationen können gefährlich und/oder beunruhigend sein.


Stecken gebliebene Objekte

Manchmal bleiben Objekte im Anus stecken, und wir haben Schwierigkeiten, sie wieder zu entfernen. Verkrampfte Muskeln, Angst oder die mit Chems zusammenhängende Unfähigkeit, sich zu entspannen, können das Ganze weiter erschweren. Wenn einige Stunden vergangen sind und Entspannung oder längeres Sitzen auf der Toilette nicht geholfen haben, kann es notwendig sein, eine Notaufnahme aufzusuchen. In Arztpraxen ist nicht immer die richtige Ausrüstung vorhanden, um die Gefahr richtig einzuschätzen oder das Objekt zu entfernen; die Notaufnahme ist daher die richtige Stelle.


Wenn das Objekt nicht für den Einsatz im Rektum bestimmt ist, zerbrechen oder Schäden am Rektum verursachen könnte, könnte es sich allerdings um eine Notsituation handeln. Kommen Symptome wie Bauchschmerzen, rektale Blutung, Übelkeit oder Fieber hinzu, solltest du so schnell wie möglich in eine Notaufnahme gehen. Auch wenn es peinlich sein mag, kommt das häufiger vor, als du vielleicht glaubst. Und eine Perforation im Anus durch einen Fremdkörper kann gefährlich sein, daher geh lieber auf Nummer sicher: Suche so schnell wie möglich eine Notaufnahme auf oder ruf die Notrufnummer an und sprich offen darüber, was passiert ist, um zu entscheiden, was zu tun ist.

Schnittverletzungen, blutende Wunden, Schlagverletzungen

                    Durch ungeschickte Bewegungen bei einem G-High oder durch manisches Verhalten bei einem Meth- oder  

                    Meph-High kann man sich alle möglichen Verletzungen zufügen:

  • Bei Kopfverletzungen etwas Kaltes auf die verletzte Stelle legen, zum Beispiel einen Beutel mit Tiefkühlerbsen, den man in ein Handtuch eingeschlagen hat. Wenn die Verletzung schlimm aussieht, die Person sich seltsam verhält, schläfrig wird, sich übergibt oder wenn sich ihr Zustand verschlechtert, ruf den Rettungswagen.
  • Starke Blutungen durch Druck zum Beispiel mit einem Kleidungsstück oder einem Handtuch unterbinden, um den Blutfluss zu stoppen. Falls nötig, den Rettungswagen rufen.
  • Verbrennungen am besten mindestens zehn Minuten unter fließendes kaltes Wasser halten. Je länger die Verbrennung gekühlt wird, desto geringer ist die Gefahr, dass Narben zurückbleiben. Nachdem die Verbrennung lange genug gekühlt wurde, mit Frischhaltefolie oder sauberem Plastik (z. B. einer sauberen Plastiktüte) abdecken.

Eine wahrscheinliche HIV-Infektion gilt als Notfall.

Nach einer wahrscheinlichen HIV-Übertragung solltest du innerhalb von 72 Stunden eine PEP (Post-Expositions-Prophylaxe) beginnen, um eine HIV-Infektion zu verhindern. Am häufigsten kommt es zu einer HIV-Übertragung, wenn du Nadeln gemeinsam mit anderen benutzt oder wenn jemand in dir abspritzt. Wenn die Person, mit der du die Nadel geteilt hast oder die in dir abgespritzt hat, HIV-positiv ist und dank einer HIV-Therapie eine Viruslast unter der Nachweisgrenze hast, ist keine PEP erforderlich. Ist die Person HIV-positiv und macht keine HIV-Therapie, wird eine PEP empfohlen. Ist die Person HIV-negativ oder kennt ihren HIV-Status nicht, kann ein_e Mitarbeiter_in des Gesundheitssystems das HIV-Risiko mit dir gemeinsam einschätzen – auf Basis der Informationen, die du zur sexuellen Geschichte der Person hast.


Eine wahrscheinliche Infektion mit einer anderen Geschlechtskrankheit, einschließlich Hepatitis C, gilt nicht als Notfall, da es hier keine Notfallmaßnahmen gibt, die unverzüglich eingeleitet werden müssen. Wenn du denkst, es könnte eine Infektion stattgefunden haben, oder du bei dir eine Infektion bemerkst, gib sie nicht an andere weiter, sondern geh, nachdem du deinen Chem-Rausch ausgeschlafen hast, zu einem Arzt/einer Ärztin oder Checkpoint deines Vertrauens.

Ein Priapismus (eine schmerzhafte Dauererektion) kann deinem Penis bleibenden Schaden zufügen, wenn die Störung nicht schnell behandelt wird.

Ein Priapismus kommt nicht sehr häufig vor. Er betrifft vor allem Männer mit Sichelzellenanämie, kann aber auch vorkommen, wenn Potenzmittel wie Viagra oder Caverject zusammen mit Chems für lange Sex-Sessions eingesetz werden.

Ein Priapismus kann innerhalb von zwei Stunden von selbst wieder verschwinden, und du kannst auch versuchen, die Erektion zum Abschwellen zu bringen:


Dos

  • Porno abschalten, die Stimmung deiner Umgebung verändern
  • zu pinkeln versuchen
  • ein warmes Bad nehmen oder duschen
  • viel Wasser trinken
  • einen kleinen Spaziergang machen
  • versuchen, in die Hocke zu gehen oder auf einem Fleck zu laufen
  • bei Bedarf ein Schmerzmittel wie Paracetamol nehmen

Don'ts

  • deinen Penis mit einem Eisbeutel oder kaltem Wasser behandeln – das kann alles noch schlimmer machen
  • Sex haben oder wichsen, um abzuspritzen – davon verschwindet die Erektion nicht
  • Alkohol trinken
  • rauchen.

Ruf 112 an oder such eine Notaufnahme auf, wenn eine Erektion ohne Stimulation länger als zwei Stunden anhält. Eine Erektion, die so lange anhält, muss so schnell wie möglich im Krankenhaus behandelt werden, um bleibende Schäden für den Penis zu verhindern.

Im Krankenhaus kann Folgendes unternommen werden:

  • die Einnahme von Tabletten oder Injektionen direkt in den Penis
  • das Ablassen von Blut aus dem Penis mithilfe einer Nadel (unter lokaler Betäubung)
  • eine kleine OP (unter Vollnarkose), bei der mit einem winzigen Schnitt Blut aus dem Penis abgelassen wird.

Anaphylaktischer Schock/allergische Reaktion auf Drogen

Viele Drogen werden mit anderen Substanzen gemischt („verschnitten“, „gestreckt“), was sich auf die Qualität auswirkt. Manchmal können diese Streckmittel giftig sein oder eine allergische Reaktion bei uns auslösen. Bei einer extremen allergischen Reaktion kann es zu einem gefährlichen anaphylaktischen Schock kommen, der einen Notfall darstellt.

Auf diese Symptome solltest du achten:

  • Atembeschwerden
  • eine Schwellung der Zunge und des Halses
  • juckende oder geschwollene Augen
  • plötzliche fleckige Haut
  • Angstzustände
  • Anzeichen eines Schocks.

Mit „Schock“ ist in diesem Zusammenhang nicht die emotionale Reaktion auf etwas Schockierendes gemeint, sondern ein gefährlicher medizinischer Notfall. Von Schock spricht man, wenn der Kreislauf den Körper nicht ausreichend mit sauerstoffreichem Blut versorgt, sodass lebenswichtige Organe nicht mehr funktionieren.


Zu den Anzeichen eines solchen Schocks gehören:

  • blasse, kalte, feuchte Haut
  • Schwitzen
  • schnelle, flache Atmung
  • Schwäche- und Schwindelgefühl
  • Krankheitsgefühl und möglicherweise Erbrechen
  • Durst
  • Gähnen
  • Seufzen.

Ruf sofort medizinische Hilfe, wenn du bei jemandem eines der oben genannten Anzeichen für einen Schock bemerkst.

Sexueller Übergriff/körperliche Gewalt

Ein sexueller Übergriff muss nicht unbedingt eine Notfallsituation sein. Es kann sich aber um einen Notfall handeln, wenn der Täter zugleich eine Gefahr für das Opfer darstellt. In diesem Fall solltest du so schnell wie möglich den Rettungsdienst anrufen.

Bei einem sexuellen Übergriff kann es wichtig sein, schnell Beweise zu sichern, um den Übergriff im Fall eines Strafverfahrens belegen und den Täter verurteilen zu können.

Nicht überall gibt es Einrichtungen, die sensibel mit männlichen oder schwulen Opfern sexueller Übergriffe umgehen können. Möglicherweise hat der Rettungsdienst Adressen von Einrichtungen, die nach einem Übergriff emotionale, forensische oder juristische Unterstützung anbieten. Wenn nicht, kann man sich auch an einen Arzt/eine Ärztin seines Vertrauens oder eine Einrichtung rund um die sexuelle Gesundheit wenden, deren Mitarbeiter_innen sich mit der Situation von schwulen Männern und LGBT auskennen.




Manchmal – wenn wir einige Tage lang nicht geschlafen haben, unter dem Einfluss von Chems stehen oder uns in einer aufregenden, sexuell befreiten Umgebung befinden – gehen wir vielleicht weniger einfühlsam und weniger sensibel mit der Verletzlichkeit der Menschen um, mit denen wir Sex haben. Rund ums Thema Einwilligung gibt es viel Verwirrung in Chemsex-Kontexten, und auch wenn es vielleicht nicht so offensichtlich ist wie bei einem planvoll vorgehenden Straftäter, kann es sich bei einigen Situationen durchaus um sexuelle Übergriffe oder sogar Vergewaltigungen handeln.


Manchmal können wir uns auch selbst in einer verwirrenden Chemsex-Umgebung eines sexuellen Übergriffs schuldig machen, ohne es zu merken. Das kann zum Beispiel dann der Fall sein, wenn die Person, mit der wir Sex haben, nur scheinbar damit einverstanden ist, aber aufgrund eines Drogenrauschs gar nicht mehr über die Fähigkeit zur Einwilligung verfügt. Das kann manchmal schwierig zu beurteilen sein, wenn wir selbst stark berauscht sind oder ein Schlafdefizit haben.

In einem solchen Fall kann es sehr schwierig sein, mit dem eigenen Verhalten klarzukommen. Dieser Konflikt kann so groß sein, dass man Beratung oder emotionale Unterstützung braucht. Viele Einrichtungen für Opfer sexualisierter Gewalt bieten auch Unterstützung für die Täter_innen an (oder können sie zumindest an die richtigen Stellen weiterverweisen).

Teil 4:

Übersicht über Notfall-Situationen

Zu den gefährlichsten Notfällen in Chemsex-Umgebungen gehören

  • GHB/GBL-Überdosierungen
  • GHB/GBL-Entzugssymptome
  • Meth- oder Meph-bedingte Psychose/Paranoia/Verfolgungswahn
  • Sexuelle Übergriffe
  • Schäden durchs Injizieren
  • mögliche HIV-Infektionen
  • Meth-/Meph-Überdosierungen
  • Herzprobleme
  • Unfälle, Schnittverletzungen, blutende Wunden, Schlagverletzungen.

Auch andere Notfälle können eintreten, einige ebenfalls im Zusammenhang mit Chemsex, andere nicht. Zu den häufigsten Notfallsituationen gehören

  • Bewusstseinsverlust
  • akute Verwirrung
  • Krämpfe, die nicht aufhören
  • Brustschmerzen
  • Atemprobleme
  • schwere Blutungen, die sich nicht stoppen lassen
  • schwere allergische Reaktionen
  • schwere Verbrennungen oder Verbrühungen
  • Schock.

Wenn jemand (du oder eine andere Person) einen Herzinfarkt oder Schlaganfall oder eine schwere Kopfverletzung hat, ruf sofort den Rettungswagen. Jede Sekunde zählt.



Wie du dem Rettungsdienst am besten hilfst

  • Versuch so ruhig zu bleiben wie möglich.
  • Ruf noch mal in der Notrufzentrale an, wenn sich der Zustand der Person verändert.
  • Wenn noch andere Leute da sind, bitte sie, dem Rettungsdienst die Tür zu öffnen und die Mitarbeiter_innen zu dir zu führen.
  • Sperre Haustiere weg.
  • Sammle die persönlichen Sachen der Person ein, falls sie herumliegen, insbesondere den Personalausweis und Ähnliches.
  • Sammle möglichst viel Informationen zum Zustand der Person, zum Vorgefallenen und zu den konsumierten Drogen, damit der Rettungsdienst zielgenau helfen kann.

Wird auch die Polizei gerufen, wenn ich den Rettungsdienst rufe?

Die Gesetze dazu und häufig auch die Praxis sind von Land zu Land unterschiedlich. Oft liegt dies im Ermessen des Menschen in der Notrufzentrale oder im Ermessen des Rettungsdienstes.

Sie könnten die Polizei rufen, wenn

  1. der Verdacht besteht, dass eine Straftat begangen wurde
  2. sie das Gefühl haben, dass die Situation vor Ort gefährlich ist und jemandem (einschließlich deiner Person, der Rettungskräfte sowie der Person mit dem Drogennotfall) Schaden droht
  3. der Zutritt zum Ort des Notfalls erzwungen werden muss.

Die Entscheidung darüber kann willkürlich sein.

In der Regel steht an erster Stelle, das Leben der Person zu retten. Das schließt aber nicht immer aus, dass die Polizei wegen Straftaten tätig wird, die sie vor Ort beoabachtet hat.

In vielen (nicht allen) Ländern ist es nicht illegal, Drogen im Blut zu haben und Drogen konsumiert zu haben. In den meisten Fällen wird die Polizei wegen des Besitzes von Drogen tätig.

In Notfällen ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Rettungskräfte wissen, welche Drogen die Person genommen hat, die sie zu retten versuchen. Diese Information kann lebensrettend sein.

Wenn Polizeikräfte dir Fragen zu deinem eigenen Drogenkonsum stellen und du nicht die Person mit dem Notfall bist, solltest du ihnen nicht antworten, bevor du dich juristisch hast beraten lassen.

Sollte die Polizei allerdings Ermittlungen wegen einer Straftat oder eines Todesfalls durchführen, ist es in manchen Ländern strafbar, ihr Informationen vorzuenthalten.

Wenn amOrt des Geschehens, zu dem der Rettungsdienst gerufen wurde, keine Drogen zu finden sind, lässt sich auch eine Straftat schwerer beweisen.

Zugleich gilt: Wenn man erst den Krankenwagen erst ruft, nachdem man Drogen beseitigt hat, kann das im Extremfall zum Tod der Person mit dem Notfall führen, für den man dann juristisch verantwortlich gemacht werden kann.


Wenn die Dinge in einer Chemsex-Umgebung oder während wir unter dem Einfluss von Chems stehen aus dem Ruder laufen, kann das irritierend und beängstigend sein.

Versuche, ruhig und freundlich zu bleiben. An erster Stelle sollte die Möglichkeit stehen, durch schnelles und verantwortungsvolles Handeln Leben zu retten. Ruf den Rettungsdienst schon bei dem geringsten Verdacht an, dass ein Notfall vorliegen könnte – man wird dann gemeinsam mit dir versuchen, die Situation zu klären.